Serie: Inkrementelle Entwicklung in der Praxis
Requirements Engineering und inkrementelle Entwicklung – Wie passt das zusammen?
Ausgehend von der Idee in inkrementeller Entwicklung, dass Lösungen emergent entstehen – also Schritt für Schritt durch frühes Feedback und kontinuierliches Lernen – stellt sich die Frage: Wie lässt sich Requirements Engineering effektiv damit in Einklang bringen?
Diese Frage ist nicht trivial, denn Requirements Engineering bringt eigene Anforderungen, Prozesse und Denkweisen mit, die auf den ersten Blick im Widerspruch zu schnellen, kleinen Entwicklungszyklen stehen können.
Diese Episode baut auf der Grundlagen-Folge zur inkrementellen Entwicklung auf:
59Hauptfolge
Oft missverstanden, inkrementelle Entwicklung in Scrum
Gast dieser Episode
Dr. Kim Lauenroth
Vertretungsprofessor für Digital Design & Board Member (IREB)
Fachhochschule Dortmund / IREB e.V.
Das Wichtigste in Kürze
- Requirements Engineering (RE) ist keine Phase und keine dedizierte Rolle, sondern ein kontinuierliches, integratives Handwerk, das Scrum-Teams beherrschen sollten.
- Das zentrale Ziel ist der Aufbau eines gemeinsamen mentalen Modells zwischen allen Beteiligten – weit über das Schreiben von User Stories hinaus.
- Systematische RE-Techniken wie Story Maps oder das Kano-Modell erhöhen die Planbarkeit und Qualität in agilen Projekten signifikant, ohne den Flow zu bremsen.
- Gutes RE ist erlernbar, erfordert aber bewusste Übung und Training – es passiert nicht einfach "nebenbei" in den Events.
Worum es geht
Versteht mich nicht falsch: Scrum liefert einen exzellenten Rahmen für die Entwicklung. Was ich konsistent beobachte ist jedoch, dass Teams bei der Arbeit an den Anforderungen oft ins Stolpern kommen. Das Problem ist nur: Viele verbinden Requirements Engineering noch immer mit starren Wasserfall-Prozessen, dicken Dokumenten und speziellen Analysten-Rollen.
Diese Sichtweise verpasst den Punkt komplett. In dieser Episode gehen Ralf Kruse und Kim Lauenroth, Vorstand des International Requirements Engineering Board (IREB), der entscheidenden Frage nach: Wie passen eigentlich Requirements Engineering und Scrum zusammen?
Die Antwort ist pragmatisch und befreiend: RE ist das systematische Handwerk, um das "Was" zu verstehen, bevor das "Wie" gebaut wird. Es ist die essenzielle Ergänzung, die Ihrem Scrum die nötige Tiefe und Präzision verleiht.
Für wen?
Für wen?
Dieses Gespräch klärt fundamentale Missverständnisse auf und liefert praxistaugliche Einsichten für alle, die Software wertorientiert entwickeln wollen.
Besonders wertvoll, wenn du:
- Als Product Owner oder Product Manager spürst, dass dein Backlog zwar voll, aber das gemeinsame Verständnis mit dem Team und den Stakeholdern oft brüchig ist.
- Als Scrum Master oder Agile Coach suchst, wie du dein Team bei der fachlichen Tiefenarbeit jenseits von Ticket-Abarbeitung unterstützen kannst.
- Als Führungskraft die Qualität und Planbarkeit deiner agilen Projekte steigern willst und verstehen möchtest, welches Handwerk dafür notwendig ist.
Episoden-Insights
Erkenntnis 1: RE ist ein Handwerk, kein Prozessmodell
Requirements Engineering wird oft missverstanden. Es ist weder eine starre Phase im Projekt noch die Aufgabe einer einzigen Person. Stattdessen ist es ein systematischer Umgang mit Anforderungen, der als integrativer Skill im gesamten Team verankert sein sollte. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen, Annahmen zu hinterfragen und ein tiefes, gemeinsames Verständnis des zu lösenden Problems zu entwickeln. Diese Kompetenz ergänzt den Scrum-Rahmen ideal, anstatt ihn zu ersetzen.
"Requirements Engineering ist der systematische Umgang mit Anforderungen [...] es ist total Sinn macht, sich systematisch [...] zu beschäftigen."
Erkenntnis 2: Das Ziel ist ein gemeinsames mentales Modell
Die Kernaufgabe des RE in agilen Kontexten ist nicht das Produzieren von Dokumentation, sondern das Aufbauen und Abgleichen mentaler Modelle. Jeder Beteiligte – Product Owner, Entwickler, Stakeholder – hat ein eigenes, inneres Bild vom Produkt. Konflikte und Fehlentwicklungen entstehen, wenn diese Bilder voneinander abweichen. Effektive RE-Techniken wie gezielte Dialoge, Visualisierungen und Prototypen bringen diese Modelle ans Licht und sorgen für Alignment.
Erkenntnis 3: Systematik erhöht Agilität, statt sie zu behindern
Der Gedanke, dass Planung und Systematik "unagil" seien, ist ein fataler Irrtum. Kommt dir das bekannt vor? Gerade systematische RE-Praktiken – wie die frühzeitige Identifikation von Abhängigkeiten, die Analyse von Stakeholder-Interessen oder die Priorisierung mit Modellen wie Kano – schaffen die Voraussetzung für echte Agilität. Sie ermöglichen es dem Team, auf Veränderungen fundiert zu reagieren und liefern die notwendige Sicherheit für langfristige Product-Visionen bei kurzen Iterationen.
"Die Arbeit mit Anforderungen ist Handwerk [...] und bei gutem Handwerk ist es halt leider immer so, dass man das üben und trainieren muss."
Dein nächster Schritt
Die Theorie verstanden, aber unsicher bei der Umsetzung? Wir helfen Ihnen, das Handwerk Requirements Engineering in Ihrem Team zu verankern.
Praxistraining: Requirements Engineering für Agile Teams
In unserem Workshop lernen Ihre PO, Scrum Master und Entwickler die passenden RE-Techniken für den Scrum-Kontext – von User Story Mapping bis zur Priorisierung.
Zum Training informieren →Ressourcen
Live zu diesem Thema
Vertiefe dieses Podcast-Thema in unseren Live-Webinaren und Trainings:
Weiterführende Themen & Ressourcen
17: User Stories - Mehr als nur ein Template
User Stories werden oft als reine Templates missverstanden. Lerne, wie du sie als Werkzeug für echte Kollaboration nutzt, um den Nutzen für den Kunden zu maximieren.
1: Scrum meistern - Moin moin und herzlich willkommen
Scrum einfach, aber schwer anzuwenden? Lerne, wie du Scrum durch Verständnis seiner Intention meisterst, statt blinde Praktiken zu befolgen. Für Scrum Master & Agile Coaches.
2: Scrum und seine Einsatzgebiete - Steigende Komplexität erfordert Wandel
Planbasierte Methoden scheitern in komplexen Märkten. Erfahren Sie, warum Scrum eine notwendige Antwort ist und wann es wirklich Sinn macht. Konkrete Einblicke für Führungskräfte und Agile Coaches.

