Gesprächsrunde
💬 Teilnehmer dieser Episode
Judith Andresen
Agile Games Designer
Stefan Haas
Workshop Facilitator
Michaela Lehr
Agile Coach & Trainer
Highlights aus dem Gespräch
Die wichtigsten Fragen und Antworten der Teilnehmer:
Welchen Wert haben Spiele und Simulationen in agilen Workshops?
Spiele schaffen sichere Räume für Experimente. Teams können komplexe Dynamiken wie Priorisierung, Kommunikation oder Konfliktlösung erleben, ohne reale Konsequenzen. Das ermöglicht tiefes Lernen auf emotionaler Ebene – man versteht nicht nur konzeptionell, sondern erfährt am eigenen Leib, warum bestimmte agile Prinzipien wichtig sind.
Der größte Wert liegt in der Demystifizierung. Viele agile Konzepte klingen abstrakt, bis man sie in einem Spiel erlebt. Plötzlich versteht ein Team, warum Daily Standups wichtig sind oder wie Retrospektiven funktionieren. Spiele machen Theorie greifbar und schaffen gemeinsame Erfahrungen, die als Referenz für die echte Arbeit dienen.
Wie wählt man das richtige Spiel für den Kontext aus?
Zuerst muss man das Lernziel klar definieren. Soll das Team Priorisierung üben? Kommunikation verbessern? Scrum-Events verstehen? Dann sucht man ein Spiel, das genau diese Dynamik abbildet. Wichtig ist auch die Gruppe zu kennen – erfahrene Teams brauchen komplexere Spiele als Einsteiger. Und immer einen Plan B haben für unerwartete Reaktionen.
Der Kontext ist entscheidend: Teamgröße, verfügbare Zeit, Raum, Materialien. Ein Spiel, das offline gut funktioniert, kann online scheitern. Man sollte auch die Unternehmenskultur berücksichtigen – manche Teams sind spielerischer als andere. Wichtig ist, das Spiel vorher selbst durchzuspielen und anzupassen, nicht blind zu kopieren.
Wie adaptiert man Spiele für Online-Workshops?
Online erfordert mehr Struktur und klare Anweisungen. Physische Materialien müssen durch digitale Tools ersetzt werden – Miro, Mural oder Jamboard statt Post-its. Die Zeitplanung ist kritischer, weil Online-Meetings schneller ermüden. Man sollte mehr Pausen einplanen und interaktive Elemente häufiger wechseln, um Aufmerksamkeit zu halten.
Die größte Herausforderung ist die Gruppendynamik. Online fehlen nonverbale Signale und Side Conversations. Man muss bewusst Raum für Interaktion schaffen – Breakout Rooms, Chat, Umfragen. Wichtig ist auch die Technik: Einfache Spiele mit wenigen Tools funktionieren besser. Und immer einen Technik-Check vorab machen, um Frust zu vermeiden.
Das Wichtigste in Kürze
- Spiele sind lebendige Metaphern: Ein gutes Agile Spiel überträgt kein 1:1-Szenario, sondern schafft eine erfahrbare Analogie für ein Prinzip wie "Limitierung von Work in Progress" oder "Feedbackschleifen".
- Fokus auf das Lernziel, nicht auf die Übertragung: Die entscheidende Frage ist nicht "Wie baue ich dieses Offline-Spiel online nach?", sondern "Welches Lernziel verfolge ich und welches Werkzeug (alt oder neu) erreicht es online am besten?"
- Das Debriefing ist der eigentliche Hebel: Der größte Lerneffekt entsteht nicht im Spiel selbst, sondern in der gemeinsamen Reflexion danach. Hier werden die Erfahrungen mit der Arbeitsrealität verknüpft.
- Online erfordert Reduktion und Klarheit: Komplexe physische Spiele scheitern oft in der Übertragung. Erfolgreiche Online-Spiele sind einfacher, haben klare Regeln und nutzen die Stärken digitaler Kollaborationstools wie Miro oder Mural.
Worum es geht
Die Art, wie Teams zusammenarbeiten und lernen, hat sich fundamental verändert. Workshops, Trainings und Retrospektiven finden oft nicht mehr im selben Raum statt. Agile Coaches, Scrum Master und Moderatoren stehen vor der Frage: Wie vermittle ich komplexe Prinzipien wie Selbstorganisation, iterative Entwicklung oder systemisches Denken, wenn ich mein Team nicht physisch vor mir habe?
Das Problem ist nur: Einfach bekannte Präsenz-Spiele 1:1 in einen Video-Call zu übertragen, funktioniert selten. Es fühlt sich oft künstlich an, die Technik spielt nicht mit, und der gewünschte "Aha-Effekt" bleibt aus. In dieser Episode sprechen wir mit den Experten Dennis Wagner und Marc Bless, Autoren des Buches "Agile Spiele kurz und gut", über einen smarteren Weg. Wir ergründen, wie Spiele und Simulationen auch remote ihre volle Wirkung entfalten können – nicht als reiner Zeitvertreib, sondern als präzises Werkzeug für nachhaltiges Lernen.
Für wen?
Für wen?
Diese Episode ist ein Werkzeugkasten für alle, die in verteilten Umgebungen Lernen und Veränderung ermöglichen wollen.
Besonders wertvoll, wenn du:
- Als Agile Coach oder Scrum Master nach wirksamen Methoden suchst, um Agile Prinzipien in Remote-Teams erfahrbar zu machen.
- Workshop-Moderator:in bist und frustriert davon, dass deine bewährten Präsenzformate online nicht funktionieren.
- Als Product Owner oder Team Lead interaktive Formate für verteilte Meetings wie Backlog Refinement oder Zielworkshops suchst.
Episoden-Insights
Spiele als erfahrbare Metaphern nutzen
Ein effektives Spiel ist keine realistische Simulation der täglichen Arbeit. Stattdessen schafft es eine kontrollierte, oft vereinfachte Umgebung, in der ein bestimmtes Prinzip oder ein spezifisches Verhalten erlebbar wird. Das "Ballpoint Game" simuliert nicht das Programmieren, sondern macht das Prinzip von Durchsatz, Feedback und kontinuierlicher Verbesserung körperlich spürbar. Der Schlüssel liegt darin, die richtige Metapher für das Lernziel zu wählen.
"Für mich sind [gute Spiele] immer die Punkte, wo Leute oder Teams Dinge mal ganz konkret erfahren sollen, also nicht irgendwie mit einem Frontaltraining irgendwelche Theorien beigebracht bekommen."
Das Lernziel bestimmt das Werkzeug – nicht umgekehrt
Die Nostalgie, ein beliebtes Offline-Spiel unbedingt online nachbauen zu wollen, ist ein häufiger Fehler. Die erste Frage muss immer lauten: "Was soll die Gruppe lernen oder erfahren?" Basierend auf dieser Antwort suchst du dann das passende Werkzeug. Manchmal ist das tatsächlich eine adaptierte Online-Version eines bekannten Spiels. Oft ist es aber ein völlig anderes, für die digitale Umgebung besser geeignetes Format. Die Effizienz des Lernens steht im Vordergrund.
"Die Frage ist da auch immer plump gesagt der Return on Invest. Helfe ich dem Erkenntnisprozess der Spielenden, wenn ich da noch Details hinzufüge?"
Die Reflexion macht den Unterschied
Der größte Wert eines Spiels entfaltet sich erst im anschließenden Gespräch, dem Debriefing. Hier übersetzen die Teilnehmer ihre gemachte Erfahrung ("Der Flaschenhals war bei Person X") auf ihre Arbeitskontexte ("Wo haben wir in unserem Entwicklungsprozess unsichtbare Warteschlangen?"). Ein gutes Debriefing lenkt die Aufmerksamkeit auf die beabsichtigten Lernpunkte und verknüpft sie mit der Realität. Ohne diese Phase bleibt das Spiel ein isoliertes Event.
Dein nächster Schritt
Du willst die besprochenen Spiele und Prinzipien direkt anwenden? Hol dir unsere kompakte Übersicht mit konkreten Spielanleitungen und Debriefing-Fragen für deinen nächsten Workshop.
Kostenlose Checkliste: 10 Agile Online-Spiele
Praktische Anleitungen und Reflexionsfragen für sofort einsetzbare Simulationen in Remote-Workshops.
Checkliste herunterladen →Ressourcen
Erwähnt in der Folge
Agile Spiele kurz und gut(book)
Buch von Dennis Wagner und Mark Bless über Agile Spiele, das aus einem Gespräch entstanden ist. Wird als physisches Exemplar gezeigt.
Scrum Meistern(podcast)
Der Podcast, in dem dieses Gespräch stattfindet. Wird als Quelle für Tipps und Anregungen zur Scrum-Anwendung im eigenen Kontext erwähnt.
Weitere Ressourcen aus dem Netz
Externe Links zu weiterführenden Inhalten, die im Kontext dieser Episode hilfreich sein können.
Live zu diesem Thema
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Weiterführende Themen & Ressourcen
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