Gesprächsrunde
💬 Teilnehmer dieser Episode
Andreas Schlieb
Agile Pioneer & Coach
Christoph Matis
Scrum Pioneer & Consultant
Jutta Eckstein
Agile Pioneer & Author
John Pierre-Werscheh
Agile Expert & Coach
Highlights aus dem Gespräch
Die wichtigsten Fragen und Antworten der Teilnehmer:
Wie waren die Anfänge von Scrum im deutschsprachigen Raum und was hat sich verändert?
In den Anfängen war Scrum eine echte Graswurzelbewegung. Wir waren eine kleine Community von Praktikern, die frustriert von traditionellem Projektmanagement nach besseren Wegen suchten. Der Austausch war persönlich, intensiv und basierte auf echter Erfahrung, nicht auf Zertifizierungen. Heute ist Scrum oft zu einem standardisierten Framework verkommen, bei dem die ursprüngliche Lernkultur verloren geht.
Was sich fundamental geändert hat, ist die Kommerzialisierung. Früher ging es um den Austausch von Erfahrungen und gemeinsames Lernen in kleinen Gruppen. Heute dominieren große Trainingsanbieter und Zertifizierungen. Die Gefahr ist, dass Scrum als fertiges Produkt verkauft wird, statt als lebendige Praxis, die sich ständig weiterentwickeln muss.
Was ist aus eurer Sicht der größte Unterschied zwischen damals und heute?
Der größte Unterschied ist die Haltung. Damals war Agilität eine Rebellion gegen starre Strukturen, ein Experimentierfeld. Heute wird Scrum oft als neues Regelwerk implementiert, das genauso starr sein kann wie das, was es ersetzen sollte. Die ursprüngliche Neugierde und der Mut zum Scheitern sind manchmal verloren gegangen.
Die Skalierung hat alles verändert. Früher ging es um einzelne Teams, die bessere Wege fanden. Heute wollen große Konzerne 'agil werden' und sufen nach Rezepten. Dabei vergessen sie, dass Agilität im Kern darum geht, auf Veränderungen zu reagieren, nicht um die Implementierung eines Frameworks.
Welche Lehren aus den Anfängen sind heute noch relevant?
Die Bedeutung von Community und kontinuierlichem Lernen. Scrum war nie als fertige Lösung gedacht, sondern als Ausgangspunkt für Experimente. Diese experimentelle Haltung – Dinge ausprobieren, reflektieren, anpassen – ist heute genauso wichtig wie damals. Leider wird sie oft durch starre Prozesse ersetzt.
Der Fokus auf Werte und Prinzipien statt auf Prozesse. In den Anfängen diskutierten wir intensiv über die agilen Werte und wie sie im Alltag gelebt werden können. Heute sehe ich oft Teams, die alle Scrum-Events durchführen, aber die zugrundeliegenden Werte nicht verstehen oder leben.
Was ratet ihr Teams, die heute mit Scrum starten?
Beginnt mit dem Warum. Versteht die Prinzipien hinter den Praktiken. Scrum ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um bessere Produkte zu entwickeln und effektiver zusammenzuarbeiten. Behaltet den experimentellen Geist der Anfänge: Probiert aus, reflektiert, passt an. Es gibt kein perfektes Scrum, nur euer Scrum.
Sucht euch eine Community zum Austausch, genau wie wir es damals taten. Lernt von anderen, teilt eure Erfahrungen, scheut euch nicht, Fehler zu machen. Und vor allem: Denkt darüber nach, was für euren Kontext funktioniert. Blindes Kopieren von 'Best Practices' war nie der Sinn von Scrum.
Das Wichtigste in Kürze
- Die ursprüngliche Scrum-Community war eine enthusiastische Praxisgemeinschaft, die Lösungen für konkrete, nicht funktionierende Projektmanagement-Ansätze suchte – ein Mindset, das heute oft verloren geht.
- Der Fokus lag nicht auf Zertifizierungen, sondern auf dem Austausch von Erfahrungen und dem gemeinsamen Lernen in kleinen, engagierten Gruppen.
- Die Dominanz von Scrum als „Standard-Framework“ kann heute ein Hindernis für die eigentliche Weiterentwicklung agiler Prinzipien und Denkweisen sein.
- Agilität ist kein Zielzustand, den man erreicht, sondern eine kontinuierliche Bewegung und Anpassung an sich verändernde Bedingungen.
Worum es geht
Scrum ist mittlerweile 25 Jahre alt und für viele zu einem standardisierten Prozess-Rahmenwerk geworden, das oft mechanisch angewendet wird. Doch wie hat alles im deutschsprachigen Raum wirklich angefangen?
Die Situation damals: Traditionelle, hierarchische Projektmanagement-Ansätze führten in Softwareteams regelmäßig zu Frustration und Ineffektivität. Es musste sich etwas ändern.
Die Komplikation: Heute ist Scrum oft mit Zertifizierungen, strikten Rollen und Skalierungs-Frameworks verbunden. Die ursprüngliche Energie und der gemeinsame Pioniergeist scheinen manchmal verloren.
Die zentrale Frage dieser Episode lautet daher: Wie waren die Anfänge von Scrum hierzulande wirklich, und was können wir heute von dieser Ursprungs-Energie für unsere aktuelle Arbeit lernen? Die Antwort liefern persönliche Geschichten der deutschen Agile-Urgesteine.
Für wen?
Für wen?
Diese Episode ist ein Muss für alle, die Scrum nicht nur anwenden, sondern verstehen wollen, woher die Ideen kommen und welcher Geist dahintersteckt. Sie bietet historische Tiefe und eine wertvolle Reflexionsgrundlage.
Besonders wertvoll, wenn du:
- Als Scrum Master oder Agile Coach das Gefühl hast, gegen eine rein mechanische Anwendung von Scrum anzukämpfen.
- Die ursprünglichen Werte und Prinzipien hinter den Frameworks (wieder)entdecken und in deiner Arbeit stärken möchtest.
- Verstehen willst, warum agile Transformationen oft schwerfallen – und dass diese Herausforderungen nicht neu sind.
Episoden-Insights
1. Die Kraft entstand aus einer praktischen Community, nicht aus Theorien
Die frühe Scrum- und Agile-Szene im deutschsprachigen Raum war keine Top-down-Initiative, sondern eine bottom-up-Bewegung. Es handelte sich um eine verschworene Gemeinschaft von Praktikern, die in ihren eigenen Projekten scheiterten und nach besseren Wegen suchten. Der Wert lag im direkten, offenen Austausch von Erfahrungen – oft in kleinen, intensiven Gruppen – und nicht in der Vermarktung von Methoden oder Zertifizierungen.
"Agil war für mich Community, das waren Gruppe von Leuten, die ich entdeckt habe, die was ganz anders machen."
2. Die Mechanisierung von Scrum droht, seinen Kern zu ersticken
Was als flexibles, wertegetriebenes Mindset begann, hat sich für viele Organisationen in ein starres, regelbasiertes Framework verwandelt. Die Pioniere beobachten kritisch, dass die ursprünglichen Prinzipien – Selbstorganisation, empirische Prozesskontrolle, Fokus auf Menschen und Interaktionen – hinter formalen Rollen und Events zurücktreten können. Diese „Mechanisierung“ entfernt Scrum von seinem eigentlichen Zweck.
"Die Dominanz von Scrum ist inzwischen ein Hindernis für die Weiterentwicklung von Agilität."
3. Agilität ist eine Reise, kein Ziel
Ein durchgängiges Thema der Gespräche ist die Erkenntnis, dass es keinen Endpunkt „agil“ gibt. Die Welt, die Technologien und die Märkte verändern sich ständig. Daher muss auch die Art und Weise, wie Teams und Organisationen arbeiten, in einer ständigen Anpassung und Weiterentwicklung bleiben. Es geht um Lernfähigkeit und Beweglichkeit, nicht um das Erreichen eines fix definierten Zustands.
"Agilität ist kein Zustand, es ist eine ständige Fortbewegung."
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