Gesprächsrunde
💬 Teilnehmer dieser Episode
Alexander Zibell
Scrum Master & Researcher
TU Berlin / Bundeswehr
Philipp Emmerich
Researcher & Agile Coach
TU Berlin
Fabrizio Milke
Researcher & Mindfulness Expert
TU Berlin
Highlights aus dem Gespräch
Die wichtigsten Fragen und Antworten der Teilnehmer:
Was ist Mindful Scrum und wie ergänzt es traditionelles Scrum?
Mindful Scrum verbindet Achtsamkeitspraktiken mit Scrum-Ritualen. Es geht darum, Teams aus dem Autopiloten zu holen und bewusste Präsenz in Meetings zu fördern. Durch kurze Übungen wie achtsame Check-ins oder Minuten der Stille vor dem Daily Scrum schaffen wir Raum für Reflexion und reduzieren Stress.
In meiner Forschung zeige ich, wie Achtsamkeit Organisationen hilft, unerwartete Ereignisse besser zu managen. Bei Mindful Scrum geht es nicht um Esoterik, sondern um wissenschaftlich fundierte Methoden, die kognitive Flexibilität und emotionale Regulation in Teams verbessern – genau das, was in komplexen agilen Umgebungen benötigt wird.
Welche konkreten Probleme löst Achtsamkeit in agilen Teams?
Das größte Problem ist der Autopilot-Modus: Teams gehen durch Meetings, ohne wirklich präsent zu sein. Achtsamkeit trainiert die Fähigkeit, im Moment zu sein, zuzuhören und bewusst zu reagieren statt automatisch. Das verbessert die Qualität von Retrospektiven und Planungsmeetings erheblich.
Aus meiner Erfahrung in der Bundeswehr sehe ich besonders den Wert für psychologische Sicherheit. Wenn Teammitglieder lernen, ihre eigenen Gedanken und Emotionen zu beobachten, können sie auch besser mit Konflikten umgehen. Achtsamkeit schafft den mentalen Raum für ehrliches Feedback und konstruktive Diskussionen.
Wie können Teams praktisch mit Mindful Scrum starten?
Starte klein und informell – keine stundenlangen Meditationen. Ein 60-Sekunden achtsamer Check-in vor dem Daily Scrum reicht oft. Fragt: 'Wie bin ich heute wirklich, nicht nur fachlich, sondern auch emotional?' Diese einfache Frage unterbricht den Autopiloten und schafft kollektive Aufmerksamkeit.
Integriere Achtsamkeit in bestehende Rituale. Vor der Retrospective: Eine Minute Stille, um anzukommen. Im Planning: Kurze Atemübung, um den Fokus zu zentrieren. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, nicht die Dauer. Schon 1-2 Minuten täglich machen einen signifikanten Unterschied in der Teamdynamik.
Was sind die Risiken oder Missverständnisse bei Mindful Scrum?
Die größte Gefahr ist der Missbrauch als 'Wellness-Add-on' für strukturelle Probleme. Wenn Teams überlastet sind, helfen Atemübungen nicht – sie machen die Überlastung nur deutlicher spürbar. Achtsamkeit darf nicht genutzt werden, um ungesunde Arbeitsbedingungen zu kaschieren.
Ein Missverständnis ist, dass Achtsamkeit nur Entspannung bedeutet. Tatsächlich ist es aktives Training für den Geist – manchmal unangenehm, weil man mit eigenen Mustern konfrontiert wird. Es geht nicht darum, Probleme wegzuatmen, sondern klarer zu sehen und bewusster zu handeln.
Das Wichtigste in Kürze
- Achtsamkeit ist kein Wellness-Add-on, sondern ein gezieltes Training für den Geist, um in Scrum-Meetings präsenter und fokussierter zu sein.
- Starte mit informellen Übungen wie einem achtsamen Check-in oder einer Minute Stille vor dem Daily Scrum, um den Autopiloten zu unterbrechen.
- Die größte Gefahr ist der Missbrauch: Achtsamkeit darf nicht genutzt werden, um ungesunde Strukturen oder Burnout zu kaschieren – sie macht Probleme erst sichtbar.
- Selbsterkenntnis führt zu Team-Empathie: Wer seine eigenen Gedanken und Emotionen besser versteht, kann auch Teammitglieder besser einordnen und unterstützen.
Worum es geht
Scrum ist einfach zu verstehen, aber in der Praxis schwer lebendig zu halten. Viele Teams funktionieren im Autopiloten: Gestresst, unkonzentriert und ohne echte Präsenz schleppen sie sich durch Meetings. Das blockiert Kreativität und verhindert die offene Kommunikation, die für psychologische Sicherheit und echte Agilität nötig ist.
Die Komplikation ist, dass klassische Agile Frameworks hier oft an ihre Grenzen stoßen. Sie bieten Prozesse, aber keine Werkzeuge für die mentale Verfassung des Teams. Es stellt sich die Frage: Wie kann Scrum sinnvoll ergänzt werden, um diese Lücke zu schließen?
In dieser Episode sprechen wir mit Forschern und Praktikern von der TU Berlin und der Bundeswehr über konkrete Wege, Achtsamkeit in den Scrum-Alltag zu integrieren – nicht als esoterisches Beiwerk, sondern als pragmatischen Hebel für bessere Zusammenarbeit.
Für wen?
Für wen?
Diese Episode spricht gezielt Agile Coaches und Scrum Master an, die nach wirksamen Hebeln suchen, um die Teamdynamik und Meeting-Kultur nachhaltig zu verbessern.
Besonders wertvoll, wenn du:
- Das Gefühl hast, dein Team ist physisch anwesend, aber mental abwesend ("Autopilot").
- Die psychologische Sicherheit im Team stärken willst, aber spürst, dass Methoden allein nicht reichen.
- Nach konkreten, niedrigschwelligen Tools suchst, um Retrospektiven oder Daily Scrums wirksamer zu gestalten.
Episoden-Insights
Achtsamkeit ist ein Training, keine Pause
Achtsamkeit wird oft falsch verstanden. Es geht nicht darum, einfach mal "abzuschalten" oder eine Pause vom Stress zu machen. Stattdessen ist es ein aktives Training für den Geist, die Aufmerksamkeit bewusst zu steuern. In Scrum bedeutet das: Die Fähigkeit, im Daily Scrum wirklich zuzuhören, in der Retrospective ohne Vorverurteilung zu reflektieren oder im Planning fokussiert zu bleiben. Diese trainierte Präsenz ist die Grundlage für effektive Zusammenarbeit.
"Achtsamkeit [ist] ein Training für den Geist."
Integration gelingt durch kleine, informelle Praktiken
Du musst keine stundenlange Meditation in den Sprint einplanen. Der wirksamste Einstieg sind informelle, kurze Übungen, die sich nahtlos in bestehende Rituale einfügen. Starte zum Beispiel das Daily Scrum mit 60 Sekunden Stille, in der jeder ankommt. Oder nutze den Check-in in der Retrospective, um nicht nur den fachlichen, sondern auch den emotionalen Zustand abzufragen. Diese kleinen Interventionen unterbrechen den Autopiloten und schaffen kollektive Aufmerksamkeit.
Die Warnung: Achtsamkeit macht Probleme sichtbar, sie löst sie nicht
Versteht mich nicht falsch: Achtsamkeit ist kein Allheilmittel für strukturelle Probleme. Die größte Sorge, die in der Episode geäußert wird, ist der Missbrauch als "Help yourself, Scrum Edition". Wenn ein Team chronisch überlastet ist, helfen Atemübungen nicht – sie machen die Überlastung nur deutlicher spürbar. Achtsamkeit kann also ein Indikator für tieferliegende, systemische Probleme sein, die dann auf der Führungsebene adressiert werden müssen.
"Die größte Sorge ist, dass Achtsamkeit als 'Help yourself, Scrum Edition' missbraucht wird, um ungesunde Strukturen zu kaschieren."
Selbstwahrnehmung steigert das Verständnis für das Team
Ein zentraler Mechanismus wirkt nach innen und außen: Durch Achtsamkeit lernst du, deine eigenen Gedankenmuster, emotionalen Reaktionen und körperlichen Signale besser zu verstehen. Diese Selbsterkenntnis ist der Schlüssel zur Empathie. Wenn ich weiß, warum ich bei einem bestimmten Thema gereizt reagiere, kann ich auch das Verhalten meines Teammitglieds besser einordnen und konstruktiver darauf antworten.
"Wenn ich weiß, was mit mir selbst los ist, dann kann ich die anderen auch besser verstehen."
Dein nächster Schritt
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